Nachruf für Ursula Hünerfeld

Nachruf für die langjährige Lehrerin der Grundschule Gmund: Ursula Hünerfeld, * 08.11.1928, t 24.11.2022

In Anlehnung an die Trauerrede, die Gudrun Klotzsche – selbst 31 Jahre lang an der Gmunder Schule im Dienst – am 16.12.2022 beim Seelengottesdienst hielt.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist mir eine große Ehre, dass ich heute hier stehen darf, um Ursula Hünerfeld, unsere Uschi oder Ursel, wie viele sie nannten, noch einmal in unsere Mitte zu holen und aufzuzeigen, welche Spuren und Erinnerungszeichen sie hinterlassen hat -insbesondere rund um die Gmunder Schule.

Kennengelernt habe ich Ursula Hünerfeld 1989 als ich an die Schule Gmund berufen wurde, um eine neue Stelle anzutreten. Nach 20 Jahren an der Schule Gmund begann damals für Ursula Hünerfeld (eigentlich) der Ruhestand.

Schon am ersten Tag war mir klar, dass ich das Erbe einer besonderen Frau antrete. Sie begrüßte mich mit den Worten: „Haben Sie ein wenig Zeit, ich muss Ihnen so einiges erklären.“ Aber da kam eine Mutter mit besorgter Miene um die Ecke. Ursula entschuldigte sich mit den Worten: „Ich glaub das ist grad wichtig!“ Sie setzte sich mit der Mutter an einen Schülertisch, um auf Augenhöhe zuzuhören, zu beruhigen, zu erklären. Das Gesicht der Mutter entspannte sich und sie zog beruhigt von dannen.

In den langen Jahren unserer Zusammenarbeit war es für mich immer wieder bewundernswert wie freundlich, emphatisch, interessiert, engagiert und hilfsbereit Ursula mit den Menschen umging.

An diesem ersten Tag der Begegnung schilderte sie mir eindringlich wie wichtig ihr der Umweltschutz sei, was sie bereits angefangen hatte und was fortgesetzt werden musste: Nistkästen ums Haus gehörten gepflegt und Obstbäume betreut, präparierte Tiere zur Anschauung für den Unterricht entstaubt und mit Mottenkugeln versorgt.

Außerdem hatte sie die Müllvermeidung an der Schule in die Wege geleitet. Sie bot Eltern und Kindern spülmaschinenfeste Flaschen an, die man mit etwas „Gscheitem, was Gsundem“ befüllen konnte. Außerdem gab es Stofftaschen mit dem Logo der Schule für die Sportsachen, um auf diese Weise das viele Plastik und den Müll zu vermeiden. Mit Ursula Hünerfelds Unterstützung lernten die Schulkinder die Mülltrennung an einer Recyclingstation in der Schule und schließlich, dank ihrer Initiative zum Verkauf von Flaschen, Taschen und Brotzeitdosen an die Familien, wurde der Schulhof zur müllfreien Zone, ein Schulhof in dem bis heute kein Mülleimer steht, weil man ihn nicht braucht – eine Seltenheit – in Gmund eine Selbstverständlichkeit. Damals 1989 war Ursula Hünerfeld eine Vorreiterin – auch wenn sie immer wieder aneckte. Für mich war es ein Geschenk des Himmels, dieses Erbe zu übernehmen und weiter voranzutreiben.

Der Ruhestand von Ursula Hünerfeld entwickelte sich eher zum Unruhestand. Ursula hielt jahrzehntelang engen Kontakt zur Schule – zum Schluss soweit es ihre Gesundheit zuließ. Sie nahm gerne an allen Lehrerausflügen, Abschlussfeiern und Sommerfesten teil, besuchte das Lehrerkollegium mit Brezen und Lebkuchen und hörte sich die Nöte und Sorgen der Lehrkräfte an. In den Gesprächen ließ sie uns in vielerlei Hinsicht teil haben an ihrem umfangreichen Wissen und Erfahrungsschatz.

Viel konnte man von Ursula lernen. Der Umweltschutzgedanke entsprang ihrer großen Liebe zur Natur, ihrer detaillierten Kenntnis über Tiere und Pflanzen und ihrer Verbundenheit zu den Kindern und ihrem tiefen Verständnis für sie.

Bei allen Ideen, mit denen Ursula Hünerfeld in die Schule kam, hatte sie stets das Angebot zur Mithilfe und Unterstützung im Gepäck. Ich höre sie noch heute: „Wenn ihr mich braucht, dann bin ich da und ich weiß auch schon, wie man es machen könnte! „

So sorgte sie sich weiter um die Pflanzung und Betreuung von Obstbäumen, brachte die Nistkästen in Ordnung, half im Schulgarten, kümmerte sich selbst um die präparierten Tiere und dass neue dazu kamen, pflanzte am Osterberg in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Sträucher für einen Hag, den die Schule dann für den naturnahen Sachkundeunterricht nutzen konnte.

Außerdem übernahm Ursula engagiert und einfühlsam die Betreuung von Kindern, die Probleme beim Spracherwerb und beim Lernen hatten. Sie kümmerte sich um passende Lernmaterialien – bastelte viele selbst – und hielt Kontakt zu den Lehrkräften. So übte sie intensiv mit vielen Kindern bei sich zuhause in ihrer Lernstube am Bernöckerweg, damit diese Kinder emotional und lerntechnisch den Anschluss in der Schule nicht verloren. Eine wichtige Unterstützung war Ursula bei der Sprachschulung der Aussiedlerkinder und dann 2015 bei den Flüchtlingskindern – zusätzlich zu ihrem Engagement in der Flüchtlingsunterkunft in der alten Turnhalle -damals war sie bereits 87 Jahre.

Nicht umsonst erhielt „Mama Ursula“, wie sie liebevoll von ihren Schützlingen genannt wurde, 2020/21 den Sozialpreis für Ihren beispielhaften Einsatz.

Ihre Hilfe für die Schulkinder, die Lehrkräfte und für mich als Schulleiterin ging sogar soweit, dass sie mit 81 Jahren in Zusammenarbeit mit Frau Scheingraber – einer pensionierten Kollegin – die Betreuung einer 1. Klasse übernahm, als eine Lehrerin ausfiel. Wieder einmal konnte keine Aushilfe von offizieller Seite zur Verfügung gestellt werden. Aber nicht genug damit – Ursula war ein streitbarer Geist und trat sogar in der Sendung „Quer“ im Fernsehen auf, um den Mangel an Lehrkräften und Aushilfspersonal an den Pranger zu stellen.

Weil das Lernen für Ursula sehr viel mit Bewegung und Koordination zu tun hatte, drängte sie mich immer wieder einen Kletterparcours für die Kinder zu bauen. Also gestalteten wir eine kleine Wiese vor dem alten Schulhaus um. Ursula balancierte auf dem Baumstamm einer alten Eiche so lange bis der Zuschnitt ihr für die Kinder als geeignet erschien. Dann suchte sie mit mir in einem Steinbruch nach großen Steinen für die Ausgestaltung. Durch ihr Netzwerk entstand ein kleiner Klettergarten, den die Kinder entgegen aller Erwartungen sehr liebten und in der Pause und am Nachmittag belagerten. Bei der Bepflanzung legte Ursula selbst Hand an mit Schaufel und Schubkarre – und natürlich mit Unterstützung von Kindern.

    

Mit dem Neubau der Schule verschwand dieses kleine Kletteridyll. Dafür entstand an dieser Stelle ein Klassenzimmer im Freien, was ganz den Ideen von Ursula entsprach. Aber für den Kletterparcours musste ein Ersatz her. Das forderten nun die Kinder, die Eltern und Ursula Hünerfeld. So besuchten wir zusammen naturnahe Spielplätze und forschten bis schließlich eine Firma gefunden wurde, die den heutigen Kletterparcours in Zusammenarbeit mit den Kindern und Eltern aufbaute. Ursula behielt mit ihrem Drängen recht. Die Begeisterung der Kinder ist bis heute ungebrochen. Auch dass das Skrafitto – die Arche Noah, die so passend über dem Spielplatz der Kinder thront – erhalten bleibt, ist ein erfolgreiches Anliegen u. a. von Ursula Hünerfeld.

Es freut mich sehr, dass Ursula dieses Jahr im März erleben konnte, dass „ihre“ Tierpräparate in der Schule noch immer in großen Glasvitrinen ausgestellt und bewundert werden. Wobei sie sofort feststellte, dass eine Tierspur falsch zugeordnet worden war. Bei diesem Besuch wurde ihr von der jetzigen Schulleiterin Susanne Riedl berichtet, dass Gmund eine zertifizierte Umweltschule geworden ist und sie und das Kollegium dafür Sorge tragen werden, dass das auch so bleibt. So wird das Erbe von Ursula Hünerfeld auch nach meinem Eintritt in den Ruhestand weiter bestehen.

Dass in der Gmunder Schule der Umweltgedanke einen so hohen Stellenwert hat, trägt die Handschrift von Ursula Hünerfeld. Sie war für viele von uns Vorbild, Unterstützerin, Ratgeberin und Mutmacherin mit all Ihrem Wissen, ihrer Energie und ihren Netzwerken und sie lebt weiter in den Herzen vieler ehemaliger Schulkinder, Eltern, Kollegen, Kolleginnen und anderer Wegbegleiter.

In Dankbarkeit nehmen wir Abschied und wünschen ihr von ganzem Herzen: Ruhe in Frieden!